Xiēhòuyǔ 歇后语 erfreuen sich in China allgemeiner Beliebheit. Xiēhòuyǔ, chinesische Sagwörter, das sind zweiteilige, umgangssprachliche Redewendungen, die nicht selten einen scherzhaften, bisweilen ironischen Unterton haben.

Der erste, bildhafte A-Teil wird vom zweiten – erst nach einer kurzen Kunstpause gesprochenen – B-Teil in meist überraschender und witziger Weise aufgelöst. Dabei ist die „Auflösung“ oft nur Aufhänger für ein Kalauer ähnliches Wortspiel. Die Bilder aus dem A-Teil sind „typisch“ chinesisch: sie beschreiben vor allem Dinge aus dem chinesischen Alltag, aber auch in China allgemein bekannte historische oder fiktive Personen und Begebenheiten. Xiēhòuyǔ stellen hohe Anforderungen an das sprachliche und außersprachliche Wissen. Das Erlernen von chinesischen Sagwörtern trägt somit zum tieferen Verständnis der Geschichte und Kultur Chinas bei. 

Xiēhòuyǔ, das bedeutet wörtlich „Ausdruck, dessen hinterer Teil ausgelassen wird“. Meistens werden jedoch beide Teile ausgesprochen. Nur bei besonders bekannten xiēhòuyǔ spricht man den zweiten Teil nicht aus, ähnlich wie hierzulande bei einigen Sprichwörtern: „Wenn man vom Teufel spricht, …“. Ist man als Ausländer mit xiēhòuyǔ und deren Doppeldeutigkeit nicht vertraut, kann das leicht zu mehr oder weniger folgenreichen Missverständnissen führen:

Im Frühjahr 1971 – im Vorfeld des historischen ersten Besuchs eines amerikanischen Präsidenten in der Volksrepublik China – führte der amerikanische Journalist Edgar Snow ein Exklusiv-Interview mit dem Vorsitzenden der KP China, Mao Zedong. Ein oft zitierter Satz aus diesem legendären Interview entpuppte sich im Nachhinein als grandiose Fehlübersetzung. Snow schrieb, Mao sehe sich als „einsamen Mönch mit einem löchrigen Regenschirm“ ("As he courteously escorted me to the door, he said he was not a compilcated man, but really very simple. He was, he said, only a lone monk walking in the world with a leaky umbrella." Life Magazin, Sondernummer Inside China, vol. 70, 4. April 1971, S. 48).

Erst im Dezember 1990 wurde dieses Missverständnis von Gong Yuzhi 嚒育之 (1929–2007), einem renommierten Historiker der Parteigeschichte der KP China, der dem Interview beigewohnt hatte, in einem Brief an den Herausgeber der Pekinger Volkszeitung (Renminribao) klargestellt. Mao hatte den ersten Teil eines xiēhòuyǔ zitiert und sich als „buddhistischen Mönch mit Schirm“ (héshang dǎsǎn 和尚打伞) bezeichnet. Der zweite Teil, den Mao nicht ausgesprochen hatte, lautet „hat weder Haar noch Himmel“ (wú fà wú tiān 无发无天). Ein buddhistischer Mönch hat ein kahlgeschorenes Haupt, der Schirm nimmt ihm die Sicht auf den Himmel. Das im A-Teil beschriebene Bild hat hier keine metaphorische Funktion, sondern dient lediglich als Aufhänger für ein witziges Sprachspiel, das auf der Homoiophonie von „Haar“ (发 fà) und „Gesetz“ (法 fǎ) beruht. Das viergliedrige Sprichwort (chéngyǔ) wú fǎ wú tiān 无发无天 bedeutet „irdischen und himmlischen Gesetzen trotzen; gesetzlos“ oder „allmächtig“.

Mit anderen Worten: Mao fühlte sich keineswegs einsam, sondern verwies scherzhaft und doch unverhohlen auf seine uneingeschränkte Macht. Das Bild des „einsamen Mönchs, der die Welt mit einem löchrigen Regenschirm durchwandert“ hat sich indes verselbstständigt und ist auch Jahrzehnte später in der westlichen Presse anzutreffen (vgl. Die Zeit vom 7.01.1994, http://www.zeit.de/1994/02/maos-spucknapf).